Schon früh kannten christliche Klöster Körper- und Atemübungen, heilsame Bewegungen und Meditation, die über Jahrhunderte gepflegt wurden – und mit der Zeit weitestgehend in Vergessenheit geraten sind. Überlieferungen zeigen Mönche und Nonnen, die mit ihrem Körper leibhaft gebetet haben. Am bekanntesten sind die neun Gebärden des heiligen Dominikus. Auch in den Gottesdiensten war es selbstverständlich, dass die Menschen die Liturgie leiblich mitvollzogen haben – nicht zuletzt deshalb, weil es bis zum 11./12 Jahrhundert keine festen Sitzgelegenheiten in den Kirchen gab.
Jugum macht diesen alten Schatz neu zugänglich und übersetzt ihn in eine zeitgemäße Form. So kann die Tradition neu lebendig werden – klar, achtsam und alltagsnah. Entwickelt wurde Jugum von Karl-Heinz Steinmetz, dem Leiter des Instituts für traditionelle europäische Medizin (InstiTEM) in Wien. Grundlage sind zahlreiche historische Quellen, die wissenschaftlich erschlossen und neu interpretiert wurden.
Jugum verbindet überlieferte Gebärden mit Atem-, Körper- und Meditationsübungen aus der christlichen Tradition. Daraus entsteht ein ganzheitlicher Übungsweg, der dazu einlädt Körper, Geist und Seele bewusster in Einklang zu bringen.
„Jugum“ ist lateinisch und bedeutet „Joch“ – ebenso wie das Wort „Yoga“, das aus dem Sanskrit stammt. Während Yoga oder auch Qigong heute in Europa weit verbreitet sind und sich als körperorientierte Übungswege aus asiatischen Traditionen etabliert haben, ist kaum bekannt, dass auch das Christentum eine eigene, körperbezogene Praxis kennt.
Der Körper ist das, was wir sehen, messen und anfassen können – unsere äußere Gestalt.
Der Leib hingegen ist das, was wir von innen her sind und erleben: das Spüren, Empfinden und In-der-Welt-Sein.
Während der Körper uns als Objekt erscheint, ist der Leib unser lebendiges Selbst. Im Leibsein verbinden sich Bewegung, Atem und Bewusstsein zu einer erfahrbaren Einheit.
Die englische Sprache bringt diesen Unterschied gut zum Ausdruck: Die Engländer sagen “I`m a body“ – nicht „I have body“.
Jugum beginnt mit der Wahrnehmung des eigenen Körpers. Im Sitzen, Stehen oder Liegen entfalten sich Bewegungen, Haltungen und Gebärden.
Zentral sind dabei drei miteinander verbundene Bereiche:
– Leib: Körperübungen zur Förderung von Beweglichkeit, Stabilität und Körperwahrnehmung – bewegtes Gebet
– Atem: Übungen zur bewussten Atmung und zur Schulung von Achtsamkeit
– Herzraum: Meditation zur inneren Ausrichtung und Sammlung – Herzensgebet
Jugum ist ein ganzheitlicher Übungsweg der Bewegung, Gesundheit und Spiritualität verbindet. Jugum kann auf unterschiedliche Weise erfahren und praktiziert werden:
– als körperorientierte Praxis
– als Beitrag zu Gesundheit und Wohlbefinden
– als spiritueller Übungsweg in christlicher Tradition
– als Form von Herzensgebet und bewegtem Gebet
Jugum kann in ganz verschiedenen Kontexten erlebt werden – in Kursen, Gottesdiensten oder als persönlicher Übungsweg.
Jugum ist für dich geeignet, wenn du dir selbst etwas Gutes tun möchtest. Vielleicht hast du Freude an Bewegung, möchtest deine Körperwahrnehmung vertiefen oder suchst eine ruhige, achtsame Praxis im Alltag.
Jugum kann dir auch einen Zugang zu einer körperlichen Form von Spiritualität eröffnen. In der Bewegung kannst Du zur Ruhe finden, sammelst deine Aufmerksamkeit, nimmst innere Prozesse bewusster wahr und findest Ausdrucksmöglichkeiten dafür. So kann auch deine leibliche Erfahrung zum Gebet werden.
In Süddeutschland entwickelt sich Jugum zunehmend zu einem spirituellen Übungsweg. In der Diözese Rottenburg-Stuttgart wird es im Kontext von Spiritualität und Glaubenskommunikation kontinuierlich weiterentwickelt.
station s bietet seit 2023 regelmäßig Jugum-Kurse an und hat das Potenzial dieses Konzepts früh erkannt.
Die Kurse werden dabei in vielfältige thematische Zusammenhänge eingebettet und mit anderen Zugängen kombiniert – etwa mit Impulsen aus der Tradition von Hildegard von Bingen oder anderen Mystiker:innen, mit Kontemplation, Focusing, Musik oder Klangschalenmeditation.
2024 wurde erstmals ein Ausbildungskurs für Jugum-Anleiterinnen und -Anleiter in Kooperation mit InstiTEM und der Diözese durchgeführt. Ein weiterer Kurs startet im Oktober 2026. Die Ausbildung erfolgt im Blended-Learning-Format und umfasst sowohl digitale Lerneinheiten als auch Präsenzphasen. Ergänzend arbeiten die Teilnehmenden in Tandems zusammen, um praktische Erfahrungen zu sammeln und das Gelernte zu vertiefen.
Jugum bringt mir Ruhe in den Kopf, Kraft in den Körper und Weite in die Seele. In der bewussten Bewegung und im achtsamen Atem ordnen sich meine Gedanken, Spannungen lösen sich, und ich spüre wieder, was mich trägt.
Jugum tut gut und hilft mir, Körper, Geist und Seele wieder in einen lebendigen Dialog zu bringen, sie neu in Balance zu erfahren. In dieser Klarheit entsteht Raum: Raum, um nach innen zu lauschen. Raum, um wahrzunehmen, was ich wirklich brauche, damit es mir gut geht.
Jugum ist für mich eine Einladung, immer wieder in meine Mitte zurückzufinden.